Mittwoch, 5. März 2014

Tagebuchbloggen im März

Frau Brüllen fragt: WMDEDGT?

05:20 Ich stehe nach nur dreimaligem Snoozen auf. Duschen, Frühstücken, Fönen und wie immer zu spät recht knapp dran. Der Lieblingsbasler (er möchte heute ausnahmsweise bis zur Ampel mitgenommen werden und ich warte zähneknirschend, bis er seinen Hausschlüssel / den Kopfhörer / das Portemonnaie endlich gefunden hat) und ich verlassen um 06:20 die Wohnung. Um 06:21 fällt dem Lieblingsbasler ein, dass er ja das Fahrrad hier hat, es heute Nachmittag aber in der Firma braucht, also will er nun lieber doch nicht mitgenommen werden...keine Worte! Ich verabschiede mich aber trotzdem echt liebevoll.

07:05 Nun bin auch ich startklar zur Visite und reihe mich unauffällig in die Horde Weisskittel ein. (Der Trick beim Zuspätkommen ist ja, immer gleich als erstes eine Frage des Oberarztes aus dem Off, also quasi aus der dritten Reihe zu beantworten, und das noch möglichst souverän und völlig ungehetzt, als stünde man da schon die ganze Zeit: "Nein, Frau X. hat schon seit drei Tagen kein Fieber mehr, Entzündungswerte aber trotzdem steigend! Antibiose umsetzen?" )
Highlight der Visite heute ist Frau M., 96 Jahre alt und gestern nach einem Sturz auf den Kopf (natürlich unter Marcumar...gibt es noch Menschen jenseits der 80 ohne Marcumar?) aufgenommen worden. Frau M. machte dem Oberarzt sehr charmant, aber doch unmissverständlich klar, dass sie gedenke, uns heute wieder zu verlassen: "Tja, Frau M., mit dem Kopf ist ja glücklicherweise alles in Ordnung, aber Ihr Herz, also da sollten wir doch..."  "Wissen Sie, Herr Doktor, Sie sind ja wirklich alle sehr nett hier, ganz besonders auch die Schwestern, aber ich habe einen Haushalt zu versorgen, und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste und dementsprechend langsamer als früher, da werden Sie sicher verstehen, dass ich nicht länger bleiben kann? Mein Herz schlägt nun seit 96 Jahren ohne Probleme, und wenn es das einmal nicht mehr tun möchte, dann soll es so sein."
Es folgen Frühbesprechung und Intensivvisite, und weil heute aus Gründen der OP erst um halb neun starten soll, bleibt noch Zeit für einen Kaffee.

08:20 Ich öffne die Tür zu Saal 4 und sehe, dass der Patient völlig gegen den Zeitplan bereits die Narkose des Gerechten schläft, während der Chef schonmal abwäscht. Verdammte Hacke, da bin ich eigentlich überpünktlich und nun trotzdem zu spät! Nach dem Einwaschen und Anziehen trete ich zum Chef an den Tisch, murmle eine Entschuldigung und stelle erleichtert fest: alles locker, die Laune ist gut! Wir plaudern über sein letztes und mein kommendes Wochenende und operieren nebenbei eine Leistenhernie (ja, wir Quatschen während des Operierens. Aber wirklich nur, wenn alles ganz glatt läuft! Sollten Sie also irgendwann mal in lokaler Betäubung operiert werden und die Chirurgen erzählen sich einen Schwank aus ihrem Leben: entspannen Sie sich, alles easy! Sorgen müssen Sie sich wirklich erst machen, wenn von hinter dem Tuch plötzlich nichts mehr zu hören ist. Ehrlich.).

09:20 Ich schaue mir meine gleich zu operierende Galle-Patientin an, beantworte noch bestehende Fragen und gehe dann zurück auf Station. Dort folgt das übliche Schreibtischgedöns: Briefe, Kurvenvisite, Telefonate. Um 10:30 kommt der Oberarzt mit einem Sack voller Süssigkeiten vorbei. Er kippt seine komplette Rosenmontagsumzugsausbeute auf dem Schreibtisch ab und gefährdet damit akut mein Projekt Brautkleid 2014.
10:55 Rettung in der Not: ich kann zur Cholezystektomie in den OP. Die OP läuft gut (Thema dieses Mal: der Rosenmontagszug, s.o.). Ich helfe noch beim Ausschleusen und treffe mich dann um 12:00 mit den Kollegen zum Essen.

Nach dem Essen schaue ich mir die Patienten, die heute von der Intensivstation auf meine Station verlegt wurden an, treffe Anordnungen, suche einen Artikel für den Youngster raus und besuche meine Galle-Patientin. Ich bespreche die Operation und den intraoperativen Befund mit ihr. Weil es sich intraoperativ nicht um einen Normalbefund handelte, dauert das etwas. Anschliessend entlasse ich noch Frau M., die von ihrer Enkelin abgeholt wird.

15:30 Nachmittagsbesprechung. Anschliessend eigentlich Feierabend, uneigentlich bittet mich der Youngster, noch auf einen seiner Patienten zu schauen. Wir schauen also, ich pflichte ihm bei, dass weder Bauch noch Lunge in Ordnung sind und wir besprechen, was nun zu tun ist.

16:45 Ich verlasse die Klinik und fahre nach Hause. Ich beschäftige ich mich mit Hauselfing, Mails lesen und schreiben, Rechnungen überweisen und Diensttasche für morgen packen, bis um 18:30 der Lieblingsbasler nach Hause kommt. Wir quatschen kurz, dann verschwindet er in die Küche und ich an den Schreibtisch zum Lernen Bloggen.


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