Dienstag, 9. April 2013

Last woman standing

Ich komme morgens nach einem 24h-Dienst nach Hause. Da ich nachts - wenn man alle Minifitzelchen zusammenrechnet - auf ungefähr drei Stunden Schlaf kam, ist mir gar sehr nach einem Mittagsschlaf. Und so schlüpfe ich um 13:30 in den Pyjama und unter die vorgewärmte Bettdecke (ein Hoch auf den Lieblingsbasler und die obligatorische Wärmflasche!) und schlafe nach ca. drei Sätzen im aktuellen Buch ein. Und fange kurz darauf an zu träumen...

Ich stehe im OP und operiere einen Patienten. Was genau kann ich nicht sagen, auf jeden Fall ist eine grössere Arterie verletzt, der Patient blutet stark. Ich komprimiere das Gefäss mit der rechten Hand, strecke die andere Hand nach links zur OP-Schwester aus und sage "Klemme".
Nichts passiert. Ich schaue nach links und stelle fest: die OP-Schwester ist weg. Einfach gegangen! Und der Tisch mit den Instrumenten steht so weit entfernt, dass ich nicht hinübergreifen kann, ich müsste die rechte Hand von der spritzenden Arterie wegnehmen und hinüberlaufen.
Ich blicke nach vorne, will meinen Oberarzt bitten, die Arterie kurz abzudrücken, damit ich zum Instrumententisch laufen und eine Klemme holen kann, aber der ist auch weg. Spurlos verschwunden. 
Notgedrungen lasse ich die Arterie los, sprinte zum Instrumententisch und suche nach einer Klemme. Es liegen verdammt viele Instrumente auf dem Tisch, aber keine einzige Klemme. Weder Gefässklemmen noch Overholtklemmen, noch nicht mal Kocherklemmen, nix. Alles voll mit Haken und Schrauben (wtf?) und Pinzetten. Ich wühle verzweifelt auf dem Tisch herum, suche nach Ligaturen oder Durchstechungen, aber auch die sind nicht zu finden. 
Inzwischen blutet der Patient munter weiter.
Ich sprinte zurück, drücke das Gefäss wieder ab und will den Anästhesisten bitten, sich um den Kreislauf zu kümmern und schon mal Konserven in der Blutbank zu bestellen. Ein Blick übers Tuch zeigt: auch der ist weg. Wie übrigens auch die OP-Pflege und die Anästhesie-Pflege. Ich stehe also mutterseelenalleine mit dem heftig blutenden Patienten im OP und muss ohnmächtig mit ansehen, wie sich irgendwann die berühmte flache Linie auf dem Anästhesiemonitor zeigt.

Ich wache von meinen eigenen Schreien nach Hilfe auf, sitze nassgeschwitzt und aufrecht im Bett und brauche einige Minuten, um mir klarzumachen, dass diese Situation so nie eintreten wird. Keine OP-Schwester verlässt einfach so den Raum, kein Oberarzt verschwindet ohne ein Wort aus dem Saal, kein Anästhesist lässt seinen narkotisierten Patienten im Stich. Niemals.

Der Traum zeigt, dass Operieren alleine nicht geht.
Ich operiere nur so gut, wie man mir assistiert.
Ich operiere nur so gut, wie man mir instrumentiert.
Ich operiere nur so gut, wie der Patient narkotisiert wird.
Und last but not least wird das Ergebnis nur so gut, wie die Betreuung durch die Pflege auf Station ist. Postoperative Komplikationen erleben wir alle, man muss sie nur früh genug erkennen.
Chirurgie ist Teamarbeit. Immer.

Keine Kommentare: