Donnerstag, 14. März 2013

WmDedgT? - Der Donnerstag

Frau Brüllen fragt, ich antworte.

01:30 Ich zappe im Dienstzimmer kurz durchs Fernsehprogramm und schlafe dabei ein.

02:15 Das Handy klingelt. Ich schrecke aus dem Tiefschlaf auf und nuschle irgendetwas, das die Worte "Chirurgie" und "Arzt vom Dienst" enthält. Ein Notarzt ist am Telefon und möchte einen Patienten nach Verkehrsunfall bei mir anmelden. Ich frage nach Unfallmechanismus und Verletzungsmuster des Patienten und lehne dann ab. Der Patient könnte schwere Verletzungen der Wirbelsäule haben, ich habe nachts aber keine Möglichkeit, ein CT durchzuführen, von einem neurochirurgischen Hintergrund ganz zu schweigen. Ausserdem habe ich kein einziges Überwachungsbett mehr frei. Der Notarzt beschliesst, den nicht weit entfernten Maximalversorger anzufahren. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein, freue mich davor aber noch kurz darüber, inzwischen eben nicht mehr in einem maximalversorgenden Krankenhaus zu arbeiten. Das hat mir damals wirklich viel Spass gemacht, aber irgendwann hatte ich genug Blaulicht gesehen.

03:30  Das Handy klingelt. Die Nachtschwester auf Station 1 hat eine Frage, die sich am Telefon klären lässt. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein. 

05:50 Das Handy klingelt. Der Rettungsdienst meldet einen Patienten aus dem Pflegeheim an, der beim nächtlichen Toilettengang gestürzt ist. Ich beschliesse, dass die Nacht nun wohl zu Ende ist und stehe auf. Katzenwäsche, Zähneputzen. Ich ziehe das Bett wieder ab und verstaue das Bettzeug in meinem Fach. Dann schlurfe ich gähnend in die Notaufnahme. Der Pfleger aus dem Tagdienst und die Zeitung sind schon da, und so überbrücken wir die Wartezeit bis um

06:30 der angemeldete Patient eintrifft. Er ist fast 100 Jahre alt, weder zu Person, Ort, Zeit noch Situation orientiert und hat offenbar Angst vor uns. Ich habe Mitleid mit diesem Häuflein Mensch und frage mich, ob das, was wir in unserem Gesundheitssystem manchmal treiben wirklich so fortschrittlich und patientenorientiert ist, wie wir immer denken. Wenn meine Eltern mit fast 100 Jahren aus dem Bett fallen und in solch einem geistigen Zustand sind möchte ich jedenfalls nicht, dass sie in einen Rettungswagen verfrachtet und quer durch den Landkreis gekarrt werden, aber diese Gedankengänge führen zu weit und bringen mich vor allem in der konkreten Situation nicht weiter. 
Ich untersuche ihn vorsichtig. Ausser einer Schürfwunde am Hinterkopf kann ich keine Verletzungen feststellen. Da er blutverdünnende Medikamente einnimmt und ich eine Gehirnerschütterung bei nicht durchführbarer Anamnese nicht ausschliessen kann, lasse ich ein Computertomogramm des Kopfes anfertigen. Keine akute Blutung zu sehen. Ich lasse mir vom Pflegeheim die Telefonnummer des Angehörigen geben und muss los, denn es ist

07:30 und somit Zeit für die Frühbesprechung. Geht schnell, die Nacht war ja ruhig.

07:50 Visite auf der Intensivstation. Jeder Patient wird mit allen auf der Intensivstation vertretenen Fachrichtungen an der Tafel kurz besprochen, anschliessend visitiert jede Abteilung ihre eigenen Patienten.

08:10 Ich rufe den Angehörigen des 100jährigen an, schildere kurz was ich gefunden bzw. nicht gefunden habe und erkläre, dass bei einer nicht auszuschliessenden Gehirnerschütterung eigentlich eine stationäre Überwachung des Patienten notwendig wäre. Wir sind uns aber schnell einig, dass in diesem Fall keine lebensverlängernde intensivmedizinische Therapie mehr gewünscht wäre (Stichwort: Patientenverfügung!) und es im Sinne des Patienten ist, wenn er so rasch als möglich in seine gewohnte Umgebung zurückkehren darf. Ich erzähle ihm, dass er zum Frühstück wieder zu Hause ist, und zum ersten Mal huscht ein Lächeln über sein Gesicht.

08:20 Ich gebe das Diensthandy ab und gehe mit den Kollegen noch kurz einen Kaffee trinken. Aus dem kurzen Kaffee wird ein langer, denn durch die Zwangsverkleinerung des heutigen OP-Programms haben die Kollegen auf Station heute deutlich mehr Luft. Wir tauschen Anekdoten aus. Wer lange genug im Mikrokosmus Krankenhaus / Rettungsdienst gearbeitet hat, kennt Dutzende davon. (Meine Lieblingsgeschichte heute: die von der Schwesternschülerin, die vor drölfzig Jahren aus Zeitersparnisgründen alle zu reinigenden Zahnprothesen ihrer Station einsammelte und in einer grossen Schüssel einweichte....nur um später festzustellen, dass die Zuordnung der gereinigten Prothesen zum jeweiligen (im Zweifelsfall auch noch dementen) Besitzer nicht ganz so problemlos vonstatten ging. Der Vormittag war mit lustigem Protheseanprobieren dann ruckzuck vorbei, und die Zeitersparnis...nun ja).

10:30 Ich komme zu Hause an. Auf der Fahrt habe ich zum Wachhalten ein neues Hörbuch eingelegt (Zaira, bisher sehr vielversprechend). Ich koche Tee, frühstücke und lese Mails und Blogs. 

Gegen 13:30 werde ich müde. Ich gehe unter die warme Dusche und lege mich ins Bett. Dort wartet schon eine vom Lieblingsbasler vorbereitete Wärmflasche auf mich (er schenkt mir weder Blumen noch Parfüm, auch Pralinen gibt es nur in seltenen Ausnahmefällen. Aber er legt mir nach jedem Dienst eine Wärmflasche ins Bett. Genau darum und aus noch viel mehr Gründen ist er mein Lieblingsbasler!). Ich powernappe bis 15:00 und wecke mich dann wieder. Da ich morgen wieder ganz normal arbeiten muss, kann ich meinen Tag-Nacht-Rhythmus nicht komplett durcheinander bringen. Ausserdem bin ich später sowieso mit einer Freundin in der Nachbarstadt auf einen Kaffee verabredet und muss davor noch in der Buchhandlung ein Geschenk für den erkrankten Kollegen besorgen.

17:00 Ich kaufe noch schnell zwei Bücher für den Kollegen (und eins für mich) und ratsche dann mit der Freundin bei zwei Schalen entkoffeiniertem Milchkaffee. Ich trinke schon länger kein Koffein mehr (ich vertrag´s einfach nicht mehr so gut), die Freundin seit kurzem. Sie ist nämlich schwanger. Das bietet natürlich Gesprächsstoff!

19:30 Ich bin wieder zu Hause. Ich habe doch tatsächlich einen Parkplatz fast direkt vor dem Haus gefunden, das ist um diese Uhrzeit in Basel ein absoluter Glückstreffer. An der Tankstelle um die Ecke besorge ich noch schnell ein Brot. Der Lieblingsbasler, der bei uns eigentlich der Einkaufsverantwortliche ist, hatte dazu nämlich heute keine Zeit. Er musste nach dem Feierabend ganz dringend nach Hause und vor den Fernseher. Der FC Basel spielt irgendein Achtel- oder Viertelfinale in irgendeiner League. Das Spiel ist kurz vor acht zu Ende, und jetzt nimmt mich der Lieblingsbasler dann auch wahr ;-)
Jetzt folgen noch Abendessen, Sofa und ein Bisschen Rumstöbern auf ravelry (ich brauche ja demnächst wieder ein Geburtsgeschenk, und bei meinem Stricktempo fange ich da besser bald an), und dann ist der Tag für mich gelaufen. Mein Körper lechzt nach ungestörtem Nachtschlaf!

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