Dienstag, 31. Januar 2012

Überraschung oder Verführung?

Meine Oma ist 88 1/2 Jahre alt und lebt immer noch in dem alten Bauernhaus, in das sie vor weit über 60 Jahren nach der Hochzeit mit meinem Opa einzog. Den pflegte sie nach seinem Schlaganfall liebevoll, bis er vor gut einem Jahr verstarb. Jetzt wohnt sie alleine in dem alten Haus. Als eingefleischte Bäuerin liebt sie den Winter, weil er für sie seit jeher eine Ruhephase, eine Atempause bedeutet hat. Nur im Winter konnte man etwas länger schlafen und es sich in der Küche oder in der Stube mit der "Strickete" gemütlich machen. Nur im Winter gingen die Uhren langsamer. Und so sitzt sie nun in ihrem Wohnzimmer, verstrickt ihre Wollreste zu Socken und hat seit neustem die Filzwolle für sich entdeckt. Immer wenn ich sie besuche bin ich froh, dass sie so gut alleine zurechtkommt und vor allen Dingen nicht in den Winterblues verfällt, den man bei vielen älteren Menschen beobachten kann.
Leider hat sie aber neben der Filzwolle noch ein anderes neues Hobby entdeckt. Weil sie sich nun nicht mehr um meinen Opa sorgen muss, sorgt sie sich jetzt um ihre eigene Gesundheit. Und auch wenn ich ihr hundert Mal sage, dass sie für ihr Alter tiptop in Form ist, muss ich bei jedem Besuch ihre feinsäuberlich drei Mal täglich notierten Blutdruckwerte durchsehen und bewerten und die neusten Artikel aus der Apothekenumschau mit ihr durchsprechen. Das macht mir überhaupt nichts aus, das tue ich wirklich gerne. Es tut mir aber in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sie sich jetzt, mit fast 89 Jahren, selbst kasteit!
Meine Oma liebt Schokolade. Sehr sogar. Vor allem Vollmilchschokolade oder Nougatschokolade. Seit einigen Jahren hat sie nun einen leichten Altersdiabetes. Eigentlich kein Problem, sie schluckt einmal täglich eine Tablette und das war´s. Sie hat keine Gewichtsprobleme und ist auch ansonsten bemerkenswert gesund. Aus lauter Angst vor dem Langzeitblutzuckerwert (und natürlich auch der gerunzelten Stirn des Hausarztes) verkneift sich meine Oma aber rigoros ihre geliebte Schokolade (wenn überhaupt gibt es nur Bitterschokolade, obwohl sie die gar nicht gerne mag, in der Apothekenumschau hat sie aber gelesen, dass das besser sei bei Diabetes) und meist auch den Kuchen zum Nachmittagskaffee. Früher, als meine Oma noch jung war, konnten sie sich meist keine Schokolade leisten. Jetzt könnte sie sich die leisten, verkneift sie sich aber! Ganz ehrlich, wenn ich jemals 88 Jahre alt werden sollte: in dem Alter werde ich mir überhaupt nichts mehr verkneifen! Und Schokolade schonmal gar nicht.
Und so führe ich meine Oma nun regelmässig in Versuchung. Heute mit den weltbesten Mohrenköpfen...


... denn Mohrenköpfe mag sie fast noch lieber als Schokolade! Um sie zu kaufen sind der Lieblingsbasler und ich am Freitagabend extra noch schnell in die Manor gehuscht (unnötig zu erwähnen, dass dabei auch eine Packung für uns raussprang, oder?).

Vorhin spazierte ich durch den Schnee zum Haus meiner Oma und wollte die goldene Versuchung überreichen. Sie war aber nicht zu Hause. Das ist nicht ungewöhnlich, seit sie meinen Opa nicht mehr pflegen muss ist sie häufig unterwegs. Sie trifft alte Freundinnen zum Kaffeetrinken oder besichtigt mit der örtlichen VdK-Gruppe Keksfabriken und ähnliches. Ich stellte mein Mitbringsel vor das Küchenfenster und lief wieder zurück. Etwa 20 Minuten später läutete mein Telefon. Meine Oma war dran und bedankte sich ganz herzlich (Schweizer Mohrenköpfe, das konnte ja nur ich sein!) und erzählte, dass sie vorhin bei meiner Tante zum Kaffeetrinken war. Kuchen gab es auch. Na also, geht doch! Nimm das, du blöder HbA1C!

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