Donnerstag, 19. Januar 2012

Alle Jahre wieder

Ich befinde mich in der Waagerechten und trage ein Lätzchen. Jane zupft sich den Mundschutz zurecht und streift routiniert die Latexhandschuhe über. Dann wirft sie einen kritischen Blick in meinen weit geöffneten Mund.
"Rauchen Sie?" Ich schüttle, Mund immer noch weit geöffnet, vehement den Kopf. "Rotwein?" Mit prophylaktisch schon mal missbiligend hochgezogener Augenbraue hängt Jane den gebogenen Speichelsauger in meinen linken Mundwinkel ein. Ich schüttle etwas weniger vehement den Kopf und versuche mich an einem "Eher chelten!", während sich der Speichelsauger lautstark an der Innenseite meiner Wange festsaugt. Auf "Kaffee?" und "Schwarztee?" muss ich leider nicken. Jane freut sich, dass sie doch noch ein paar Laster entdeckt hat und sagt "Ja, das sieht man. Sie haben ziemlich ausgeprägte Verfärbungen an den Zähnen, vor allem an der Innenseite." 
Weiss ich doch, denke ich. Deswegen bin ich ja hier! Weder die Situation noch meine Position lassen jedoch eine tiefergehende Diskussion zu. Ausserdem greift Jane eh gerade zu ihrem Superduper-Ultraschall-Laser-Strahl und macht sich an die Arbeit.
"Zunge bitte nach hinten und nur durch die Nase atmen" sagt sie, zu meiner Erleichterung nun schon viel freundlicher. Ich tue wie geheissen, erinnere mich daran, dass ich auf genau diesem Zahnarztstuhl vor ca. 16 Jahren meine Weisheitszähne loswurde, registriere, dass ich durch das Fenster genau wie vor 16 Jahren die Fahnen vor dem Postamt flattern sehen kann (ja, hier gibt es immer noch ein Postamt, es wurde noch nicht durch einen Postshop im Hinterzimmer einer Änderungsschneiderei ersetzt!), frage mich, warum das Reinigungsding so unangenehm laut ist, wenn es doch mit Ultraschall arbeitet, bin mir dennoch ziemlich sicher, dass ich nicht das Gehör einer Fledermaus habe und zucke nur ab und zu zusammen, wenn Jane ihr Ultraschallschwert meinem Empfinden nach ganz tief in mein Zahnfleisch bohrt.
"Ihre Zahnhälse sind ganz schön empfindlich", meint Jane, während sie mir eine kleine Verschnaufpause gönnt. So kann man das natürlich auch sehen. "Verwenden Sie etwa eine Zahnpasta mit Extra-White-Effekt?" Schuldbewusst nicke ich ein Bisschen und relativiere "Naja, es ist so eine 12-in-one-Zahnpasta, da ist glaube ich auch ein Anti-Verfärbungs-Effekt dabei." Während Jane mir detailliert auseinandersetzt, dass ich diese Art von Zahnpasta bei meinen Zahnhälsen auf keinen Fall mehr verwenden sollte ("Da sind wahnsinnig viele Schleifpartikel drin. Sie müssen unbedingt eine Sensitiv-Zahnpasta verwenden.") und schon gar nicht in Kombination mit meiner elektrischen Sonic-Zahnbürste ohne Sensitivaufsatz, hängt sie den Speichelsauger wieder ein, diesmal in den rechten Mundwinkel.
In Erwartung weiterer Ultraschallattacken schliesse ich die Augen und stelle irritiert fest, dass mir ein Mundschutz angelegt wird. Allerdings nicht so, wie ich es seit Jahr und Tag gewohnt bin, sondern quer über die Augen. Bei der Vorstellung, diese Tragevariante demnächst im OP vorzuführen muss ich kichern. Aber nur kurz, ist ja hier schliesslich keine Spassveranstaltung. 
Jane erklärt, dass sie den Verfärbungen nun mit dem Sandstrahler zu Leibe rücken möchte. Ich hoffe inständig, dass es sich nicht wirklich um einen Sandstrahler handelt, finde ihn aber viel angenehmer als das Ultraschall-Dings und bemühe mich redlich, den Kopf je nach Wunsch nach links oder rechts zu drehen, die Zunge aus dem Weg zu nehmen und meinen uns beide störenden Schluckreflex zu bändigen.
Zum Polieren - Jane nennt das "den angenehmen Teil", ich finde, das ist alles relativ - wird mir der Mund- respektive Augenschutz wieder abgenommen, und gerade als ich denke, dass Jane und ich inzwischen ein echt gutes Team geworden sind ist alles vorbei.
Zum Abschied schenkt mir Jane noch eine Probepackung Sensitivzahnpasta (natürlich ohne Schleifpartikel) und ein Zahnzwischenraumbürstchen ("viel besser als Zahnseide...kann man prima während dem Fernsehen abends machen"), und nach nur knapp einer Stunde bin ich wieder auf dem Heimweg. Ich fühle mich ein Bisschen wie eine gemassregelte Grundschülerin, daran konnte auch die obligatorische Abschlusskontrolle durch meinen Zahnarzt, der mal wieder nix zu Beanstanden hatte, nichts ändern. Jane hat eben diesen Effekt auf mich, das war schon immer so.
Zu Hause angekommen koche ich mir erstmal einen schönen Schwarztee. Und vielleicht gibt´s gleich noch ein Gläschen Rotwein. Auf Sie, Jane, und bis zur nächsten professionellen Zahnreinigung!

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